Plotten und Printen – Landtagsabgeordnete Miriam Dahlke besucht die druckwerkstatt Rödelheim

Mitten in einem Wohngebiet liegt die druckwerkstatt Rödelheim. Konzentrierte Stille empfängt mich, als ich das große, helle Büro im ersten Stock betrete. Über den Raum verteilt sind Bildschirme in unterschiedlichen Größen, aber alle haben das stilisierte Apfellogo auf der Rückseite. Mit wenigen Mausklicks entstehen darauf Farben und Formen, Bilder und Schriftzüge. Hier, in der sogenannten Druckvorstufe, wird das gestaltet und graphisch aufbereitet, was später durch die Druckermaschinen rattern wird.

Diese befinden sich einen Stock tiefer. Zwei Offset-Druckmaschinen und einen Digitaldrucker besitzt die druckwerkstatt in Rödelheim. Ähnlich wie beim Holzschnitt werden beim Offset-Verfahren die Druckvorlagen auf Aluminiumplatten aufgebracht und anschließend auf Papier abgezogen. Für jede Farbe muss eine eigene Alu-Platte hergestellt werden.

Weniger aufwändig und vor allem umweltfreundlicher gestaltet sich der Digitaldruck. Hunderte von Seiten spuckt die Maschine binnen Sekunden aus – vor meinen Augen entsteht ein Buch mit Rezepten aus aller Welt, ansprechend gestaltet mit bunter Schrift und stilisierten Grafiken. Plötzlich eine Unterbrechung: Das Papierfach ist leer. Jetzt müssen die beiden jungen Männer, die den Druck betreuen, genau kalkulieren, wie viele Rezeptbücher noch gedruckt werden sollen und wieviel Blatt Papier dafür benötigt werden, denn da das Papier individuell für den Kundenauftrag zugeschnitten wird, können überzählige Bögen nicht mehr verwendet werden.

Auch im Nebenraum geht es kurz vor 16.00 Uhr noch geschäftig zu. Hier erhält das Rezeptbuch den letzten Schliff. Vorsichtig legt der Mitarbeiter die Buchseiten in die Bindemaschine, ein kräftiger Druck, die Spiralbindung sitzt. Ob Plotten, also maschinelles Ausstanzen von Motiven, ob Mailing oder eben Buchbindearbeiten – die Angebotspalette der druckwerkstatt bei der Druckweiterverarbeitung ist breit.

65 Menschen arbeiten derzeit in der Rödelheimer druckwerkstatt – bis zum Jahresende sollen es 68 werden. Sie eint eine Besonderheit: Alle leiden unter psychischen Beeinträchtigungen in unterschiedlichem Ausmaß – von Depressionen bis hin zu schizophrenen Störungen. Aber: „Die Werkstatt ist keine Verwahranstalt“, stellt Werkstattleiter Walter Hentschel klar, der gelernter Druckermeister ist und ebenso wie die zehn Teamleiter*innen zusätzlich zur fachlichen Meisterprüfung eine pädagogische Ausbildung absolviert hat. Und wer die Mitarbeiter*innen der druckwerkstatt beobachtet und mit ihnen ins Gespräch kommt, merkt sofort: Hier arbeiten Menschen, die wie alle anderen auch, jede Arbeit ausführen können, die ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht. 34 Wochenstunden beträgt die Arbeitszeit bei 30 Tagen Urlaub. Auf die Arbeitsplätze in der druckwerkstatt bewerben sich Interessierte ganz klassisch mit Anschreiben und Lebenslauf. Ein paar Besonderheiten gibt es natürlich, etwa den hauseigenen Sozialdienst. Therapiesitzungen finden zwar außerhalb der Arbeitszeit statt; auf Wunsch vermittelt die druckwerkstatt jedoch psychologische Beratung. Auch von der im Haus ansässigen Ausbildung für Ergotherapie profitieren die Mitarbeiter*innen. Dass die druckwerkstatt ihnen auf diese Weise ermöglicht, ganz normal am Erwerbsleben teilzuhaben und dass es diese Möglichkeit in Rödelheim gibt, freut mich sehr. Besonders beeindruckt bin ich von den vielen Möglichkeiten, die die druckwerkstatt ihren Mitarbeiter*innen bietet, sich über ihre eigentliche Tätigkeit hinaus zu engagieren und so einen Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen: Sie gestalten und drucken die vierteljährlich erscheinende Mitarbeiterzeitschrift „Durchblicker“ oder sie organisieren den jährlichen „Tag der Offenen Druckwerkstatt“. Darüber hinaus können sie sich zu anderen Arbeiten abordnen lassen, sich zum Beispiel in verschiedenen Frankfurter Unternehmen um die Pflanzen kümmern oder im Bistro „Frankfurtersalon“ helfen. Letzteres wird vom Verein soziale Heimstätten e.V. betrieben, dem Dachverband, dem neben der Rödelheimer druckwerkstatt weitere Reha-Werkstätten und -betriebe in ganz Frankfurt angehören: die Großküche, die Mosterei und die Landschaftspflege in Niederrad, die Elektromonteure, Maler und Metallbauer in Oberrad, die Schreinerei in Kalbach sowie die Fahrradwerkstatt am Eschenheimer Turm.

Als die druckwerkstatt in den 70er Jahren als eine der ersten Reha-Werkstätten in Frankfurt gegründet wurde, trug auch sie noch das „Reha“ im Namen. Über die Namensänderung ist Walter Hentschel froh: „Dass die Mitarbeiter*innen in einer Druckwerkstatt und eben nicht in einer Reha- oder Behindertenwerkstatt arbeiten, steigert ihr Selbstwertgefühl.“ Mehr gesellschaftliches Ansehen würde sich der Werkstattleiter für die druckwerkstatt wünschen, denn: „Wir sind ein ganz normaler Betrieb“.

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